Vagusnerv und Lernen: Kann ein gesunder Vagusnerv deine Konzentration und Neuroplastizität verbessern?
- S P Knoll

- 7. Juni
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 1. Juli

Zum ersten Mal habe ich vor ein paar Jahren den Begriff Vagusnerv gehört, als ich eine Meditation von Dr. Deepak Chopra machte. Darin bezeichnete er den Vagusnerv als den heilenden Nerv. Viele Menschen denken im Zusammenhang mit dem Vagusnerv an Entspannung, Verdauung und Meditation. Mittlerweile weiß ich: Das ist nur die halbe Wahrheit.
Denn immer mehr wissenschaftliche Studien zeigen, dass der Vagusnerv weit mehr kann. Er beeinflusst nicht nur unser Herz, unseren Darm und unser Immunsystem, sondern spielt auch eine wichtige Rolle für Aufmerksamkeit, Neuroplastizität und damit indirekt für unsere Lernfähigkeit.
Spätestens nachdem der Neurowissenschaftler Andrew Huberman diesem Thema eine ganze Podcast-Episode gewidmet hat, war meine Neugier geweckt. Und je tiefer ich in die Forschung eingestiegen bin, desto klarer wurde: Der Vagusnerv ist nicht einfach der „Entspannungsnerv“, als den ihn viele bezeichnen.
Was ist der Vagusnerv überhaupt?
Der Vagusnerv ist der zehnte Hirnnerv und gleichzeitig der längste Hirnnerv unseres Körpers. Sein Name stammt vom lateinischen vagari – „umherwandern“ – und genau das tut er auch.
Er zieht vom Hirnstamm durch den Hals bis in den Brust- und Bauchraum und verbindet das Gehirn mit Herz, Lunge, Magen, Darm und vielen weiteren Organen.
Das Faszinierende dabei: Rund 80 Prozent seiner Fasern transportieren Informationen vom Körper zum Gehirn. Der Vagus ist also weniger eine Einbahnstraße als vielmehr ein permanentes Kommunikationsnetzwerk.
Der Vagusnerv ist nicht nur für Entspannung zuständig
Eine der größten Fehlannahmen lautet: „Je stärker der Vagus aktiviert wird, desto entspannter wird man.“
So einfach ist es nicht.
Andrew Huberman weist darauf hin, dass unterschiedliche Schaltkreise des Vagusnervs je nach Situation sowohl beruhigende als auch aufmerksamkeitsfördernde Effekte unterstützen können. Der Vagus hilft dem Gehirn dabei, den aktuellen Zustand des Körpers zu erfassen und die Aktivität entsprechend anzupassen.
Das erklärt auch, warum Menschen nach gezielten Atemübungen oft nicht nur ruhiger, sondern gleichzeitig fokussierter und klarer denken können.
Lernen beginnt nicht nur im Gehirn
Wenn wir an Lernen denken, denken wir meist an das Gehirn. Tatsächlich entscheidet aber der gesamte Körper darüber, wie gut neue Informationen verarbeitet werden.
Der Vagusnerv übermittelt kontinuierlich Signale über:
Herzschlag,
Atmung,
Darmaktivität,
Stoffwechsel,
Entzündungsprozesse,
hormonelle Veränderungen.
Diese Informationen erreichen Hirnregionen, die wiederum Aufmerksamkeit, Emotionen und Gedächtnisbildung beeinflussen.
Mit anderen Worten: Unser Gehirn lernt nicht losgelöst vom Körper – es lernt in ständigem Austausch mit ihm.
Die Rolle von Acetylcholin bei der Neuroplastizität
Besonders spannend wird es beim Neurotransmitter Acetylcholin.
Acetylcholin ist der wichtigste Botenstoff des Parasympathikus und wird auch von vagalen Nervenzellen genutzt. Gleichzeitig spielt er im Gehirn eine entscheidende Rolle für Aufmerksamkeit und sogenannte Neuroplastizität – also die Fähigkeit des Gehirns, neue Verbindungen zwischen Nervenzellen aufzubauen.
Neurowissenschaftliche Forschung zeigt, dass Acetylcholin dabei hilft, relevante Informationen hervorzuheben und Lernprozesse zu erleichtern. Ohne ausreichende Aufmerksamkeit findet nur begrenztes dauerhaftes Lernen statt.
Deshalb besteht ein indirekter Zusammenhang zwischen einer gut funktionierenden vagalen Regulation, cholinergen Netzwerken und effizientem Lernen.
Stress ist einer der größten Lernkiller
Wer schon einmal versucht hat, unter massivem Stress für eine Prüfung zu lernen, kennt das Problem.
Chronischer Stress aktiviert vor allem den Sympathikus – den Teil des vegetativen Nervensystems, der auf Leistung und Überleben ausgerichtet ist. Kurzfristig kann das die Wachheit steigern, langfristig verschlechtert anhaltender Stress jedoch Konzentration, Schlafqualität und Gedächtnisleistung.
Ein ausgewogen arbeitender Vagusnerv unterstützt dagegen die Fähigkeit, zwischen Anspannung und Erholung flexibel zu wechseln. Genau diese Anpassungsfähigkeit scheint für nachhaltiges Lernen besonders wichtig zu sein.
Kann man den Vagusnerv trainieren?
Die gute Nachricht lautet: Ja, zumindest indirekt.
Es gibt zwar keine Wunderübung, die den Vagusnerv „magisch aktiviert“, aber verschiedene wissenschaftlich untersuchte Methoden können die vagale Regulation und die Herzfrequenzvariabilität positiv beeinflussen.
1. Verlängerte Ausatmung
Eine bewusst verlängerte Ausatmung verlangsamt über vagale Mechanismen die Herzfrequenz und kann den Parasympathikus stärken.
Praktisch bedeutet das:
4 Sekunden einatmen
6 bis 8 Sekunden ausatmen
mehrere Atemzyklen wiederholen
2. Der „Physiological Sigh“
Andrew Huberman empfiehlt den sogenannten Physiological Sigh: zwei kurze Einatmungen hintereinander, gefolgt von einer langen, langsamen Ausatmung.
Diese Atemtechnik kann helfen, akuten Stress rasch zu reduzieren und die Atmung zu normalisieren.
3. Regelmäßige Bewegung
Interessanterweise betont Huberman, dass intensive körperliche Aktivität ebenfalls positive Auswirkungen auf Aufmerksamkeit und Neuroplastizität haben kann.
Ein kurzer intensiver Trainingsreiz, der die großen Muskelgruppen der Oberschenkel und des Rumpfes aktiviert, erhöht die Aktivierung des Gehirns. Lernphasen in 2 bis 3 Stunden danach können von diesem Zustand enorm profitieren.
4. Ausreichend Schlaf
Während des Schlafes werden neue Gedächtnisinhalte konsolidiert. Gleichzeitig regenerieren sich zahlreiche neuronale Netzwerke, die eng mit der Funktion des autonomen Nervensystems verbunden sind.
Wer dauerhaft schlecht schläft, beeinträchtigt nicht nur seine Konzentration, sondern häufig auch seine vagale Regulation.
5. Summen und Singen
Durch Summen oder Singen werden Muskeln im Kehlkopfbereich aktiviert, die vom Vagusnerv innerviert werden. Viele Menschen empfinden dies als beruhigend. Die wissenschaftliche Evidenz für eine starke oder langfristige Verbesserung der Vagusfunktion ist allerdings begrenzt, aber auch der Vagusnerv-Experte Dr. Navaz Habib empfiehlt Summen, Singen und Gurgeln. Die Wirkweise lässt sich ganz einfach durch die physiologische Lage begründen: der Vagusnerv läuft am Kehlkopf vorbei.
6. Darmgesundheit ernst nehmen
Da der Vagus eine zentrale Verbindung zwischen Darm und Gehirn bildet, können Ernährung und Mikrobiom ebenfalls Einfluss auf Stimmung und Wohlbefinden haben. Eine ballaststoffreiche Ernährung sowie fermentierte Lebensmittel mit geringem Zuckeranteil werden in der Forschung als mögliche Unterstützung einer gesunden Darm-Hirn-Kommunikation diskutiert.
Fazit: Lernen ist ein Ganzkörperprozess
Der Vagusnerv macht dich nicht automatisch intelligenter. Er ersetzt auch keine gute Lernstrategie.
Was die Wissenschaft jedoch zunehmend zeigt: Der Vagus ist ein entscheidender Vermittler zwischen Körper und Gehirn. Er beeinflusst, wie Informationen aus Herz, Lunge und Darm verarbeitet werden, wirkt an der Regulation von Stress mit und steht über cholinerge Signalwege in enger Beziehung zu Aufmerksamkeit und Neuroplastizität.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis: Erfolgreiches Lernen beginnt nicht erst am Schreibtisch – sondern bei einem Nervensystem, das flexibel zwischen Aktivierung und Erholung wechseln kann.
Wissenschaftliche Quellen
Huberman, A. (2025). Control Your Vagus Nerve to Improve Mood, Alertness & Neuroplasticity. Huberman Lab Podcast.
Andrew Huberman erläutert die bidirektionale Kommunikation des Vagusnervs zwischen Gehirn und Körper sowie dessen Einfluss auf Aufmerksamkeit, Herzfrequenzvariabilität und Neuroplastizität. Er beschreibt außerdem praktische Methoden wie verlängerte Ausatmung und den „physiological sigh“ zur Beeinflussung autonomer Regulation.
Engineer, N. D., Riley, J. R., Seale, J. D., et al. (2015). Targeting Plasticity with Vagus Nerve Stimulation to Treat Neurological Disease. Progress in Brain Research, 220, 275–299.
Diese Übersichtsarbeit beschreibt, wie Vagusnervstimulation neuromodulatorische Systeme – insbesondere cholinerge und noradrenerge Netzwerke – beeinflusst und dadurch Neuroplastizität und Lernprozesse unterstützen kann.
Breit, S., Kupferberg, A., Rogler, G., & Hasler, G. (2018). Vagus Nerve as Modulator of the Brain-Gut Axis in Psychiatric and Inflammatory Disorders. Frontiers in Psychiatry, 9, 44.
Der Review fasst die Rolle des Vagusnervs als zentrale Verbindung zwischen Gehirn und Darm zusammen und erklärt seine Bedeutung für Stimmung, Immunfunktion, Verdauung und die Weiterleitung sensorischer Informationen aus den inneren Organen an das Gehirn.
Was wäre, wenn bereits alles in dir steckt?
Der Vagusnerv begleitet dich seit deiner Geburt. Dein Gehirn besitzt von Natur aus die Fähigkeit, zu lernen, sich anzupassen und neue Verbindungen zu schaffen. Mit anderen Worten: Das Potential ist da. Und es bleibt auch da, bis ins höchste Alter.
Und trotzdem erleben viele Menschen nach belastenden Erfahrungen, chronischem Stress oder wiederholten Rückschlägen, dass sie sich in alten Denkweisen verlieren. Sie grübeln, zweifeln an sich selbst, bedauern alte Versäumnisse oder haben das Gefühl, nicht mehr ihr volles Potenzial ausschöpfen zu können.
Genau hier setzt mein Coaching an.
Ich glaube nicht daran, dass Menschen „kaputt“ sind und repariert werden müssen. Ich glaube daran, dass wir oft verlernt haben, auf unsere vorhandenen Fähigkeiten zuzugreifen. Gemeinsam arbeiten wir daran, alte Denkmuster bewusst zu erkennen, hinderliche Überzeugungen zu verlernen und neue, stärkende Wege des Denkens und Handelns zu entwickeln.
Dabei nutzen wir die erstaunliche Anpassungsfähigkeit des Gehirns – die Neuroplastizität und meine R.H.I.N.O.-Formel. Nicht, indem wir etwas künstlich hinzufügen, sondern indem wir das freilegen, was bereits in dir angelegt ist.
Du musst nicht zu einem anderen Menschen werden. Du darfst wieder Zugang zu deinem Original du finden, das schon immer in dir steckt.
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