Ungesundes Essen verlernen – Ein neurowissenschaftlicher Ansatz nach Dr. Judson Brewer

Veröffentlicht am 1. November 2025 um 17:49

Überessen und der Griff zu ungesundem Essen stellt aus klinisch-psychologischer Sicht kein primäres Problem mangelnder Selbstkontrolle oder Willenskraft dar, sondern ein stabil erlerntes Verhaltensmuster, das tief in neurobiologischen Lernmechanismen verankert ist. Der Psychiater und Neurowissenschaftler Dr. Judson Brewer (Brown University) hat in den letzten zwei Jahrzehnten intensiv zu Gewohnheitsbildung, Suchtverhalten und Achtsamkeitsinterventionen geforscht. Seine Arbeiten liefern einen evidenzbasierten Ansatz, um nicht nur Überessen, sondern auch emotionales und zwanghaftes Essverhalten nachhaltig zu verändern.

Das neurobiologische Modell der Gewohnheitsschleife

Brewers theoretisches Fundament basiert auf dem in der Lernpsychologie etablierten Reward-based learning. Gewohnheiten entstehen durch die wiederholte Kopplung von:
1. Auslöser (Cue)
Interne oder externe Reize (z. B. Stress, negative Affekte, soziale Situationen)
2. Verhalten (Behavior)
In diesem Kontext: Essen unabhängig von physiologischem Hunger
3. Belohnung (Reward)
Kurzfristige Reduktion aversiver Zustände (z. B. emotionale Entlastung)

Neurobiologisch ist dieser Prozess eng mit dem dopaminergen Belohnungssystem verknüpft, insbesondere mit Strukturen wie dem ventralen Striatum. Entscheidend ist:

Nicht die objektive Qualität der Belohnung ist ausschlaggebend, sondern die subjektiv erwartete Erleichterung.
In mehreren Publikationen zeigt Brewer, dass diese Lernschleifen auch dann stabil bleiben, wenn das Verhalten langfristig negative Konsequenzen hat – ein Phänomen, das sowohl bei Substanzabhängigkeit als auch bei Überessen beobachtet wird.

Empirische Evidenz: Achtsamkeit als Intervention bei Gewohnheitsverhalten

Studien zu Sucht- und Essverhalten

Dr. Brewer leitete mehrere randomisiert kontrollierte Studien, in denen achtsamkeitsbasierte Trainingsprogramme mit klassischen verhaltens- oder willenskraftbasierten Ansätzen verglichen wurden. Zentrale Befunde:
• In Studien zu Rauchen zeigte sich, dass achtsamkeitsbasierte Interventionen signifikant höhere Abstinenzraten erzielten als Standardprogramme – trotz geringerer Betonung von Kontrolle und Vermeidung.
• Übertragungsstudien auf emotionales und zwanghaftes Essen ergaben vergleichbare Effekte: Reduktion von Essanfällen, geringere Impulsivität und verbesserte Emotionsregulation.
Besonders relevant ist eine von Brewer und Kolleg:innen entwickelte Intervention, die gezielt darauf abzielte, Essimpulse in Echtzeit achtsam zu beobachten, anstatt sie zu unterdrücken. Die Ergebnisse zeigten eine signifikante Abnahme von cravings sowie eine verminderte Aktivierung belohnungsassoziierter Hirnareale bei Konfrontation mit Nahrungsreizen.

Mechanismus der Veränderung: Neugier statt Unterdrückung

Ein zentrales Konzept in Brewers Arbeiten ist die Rolle von Neugier (curiosity) als Lernverstärker. Funktionelle Bildgebungsstudien deuten darauf hin, dass neugierige, nicht-wertende Aufmerksamkeit:
• die automatische Kopplung zwischen Auslöser und Verhalten schwächt
• präfrontale Kontrollnetzwerke aktiviert
• die saliente Bewertung der „Belohnung“ reduziert
Durch achtsames Beobachten wird die tatsächliche Erfahrung des Überessens bewusst wahrgenommen – inklusive körperlicher Schwere, Unwohlsein oder emotionaler Leere. Brewer bezeichnet diesen Prozess als „updating the reward value“:
Das Gehirn lernt neu, dass das Verhalten weniger belohnend ist als ursprünglich angenommen.

Essen, Interozeption und Körperwahrnehmung

Ein weiterer Forschungsschwerpunkt Brewers ist die Interozeption, also die Wahrnehmung innerer Körpersignale. Menschen mit problematischem Essverhalten zeigen häufig eine reduzierte Sensitivität für Hunger- und Sättigungssignale.
Achtsamkeitsbasierte Essinterventionen führten in seinen Studien zu:
• verbesserter Differenzierung zwischen emotionalem und physiologischem Hunger
• erhöhter Aktivität insulärer Areale
• stabilerer Selbstregulation beim Essen
Diese Effekte traten unabhängig von expliziten Diätvorgaben auf.

Die Rolle von Selbstmitgefühl in der Emotionsregulation

Brewer betont in seinen klinischen Arbeiten, dass Scham und Selbstkritik das Belohnungssystem paradox verstärken, indem sie Stressreaktionen aktivieren. Achtsamkeitsbasierte Programme reduzierten signifikant:
• essbezogene Schuldgefühle
• internalisierte Stigmatisierung
• stressinduzierte Essimpulse
Selbstmitgefühl wirkt dabei nicht als „weiche“ Haltung, sondern als regulatorischer Faktor des autonomen Nervensystems.

Fazit: Ein lernbasierter Paradigmenwechsel

Die Methode von Dr. Judson Brewer stellt einen evidenzbasierten Paradigmenwechsel im Umgang mit Überessen dar. Anstelle von Kontrolle und Restriktion nutzt sie die neurobiologischen Prinzipien des Lernens:
• Gewohnheiten werden nicht bekämpft, sondern neu bewertet
• Veränderung entsteht durch direkte Erfahrung, nicht durch Regeln
• Achtsamkeit fungiert als Katalysator für neuronales Umlernen
Damit bietet Brewers Ansatz eine wissenschaftlich fundierte Alternative zu klassischen Diät- und Kontrollmodellen – mit besonderer Relevanz für Prävention, Therapie und Coaching im Bereich Essverhalten.

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