Für Narzissten arbeiten – meine Geschichte (und was du daraus lernen kannst)
- S P Knoll

- 1. März
- 3 Min. Lesezeit
Wie fühlt es sich an, für einen narzisstischen Chef zu arbeiten?Ich kenne diese Erfahrung – und sie hat mein Leben verändert.
Vor vielen Jahren saß ich in einem Vorstellungsgespräch und schaute in die kalten, grauen Augen des Direktors.Meine Intuition sagte mir sofort: Das ist keine gute Idee.
Doch ich war arbeitslos. Mein Arbeitslosengeld I lief bald aus, meine nebenberufliche Tätigkeit reichte nicht zum Leben. Also tat ich, was viele tun:
Ich unterschrieb. Den schlechtesten Arbeitsvertrag meines Lebens.

Narzisstische Führungskräfte erkennen – meine Erfahrung aus 30 Jahren Beruf
In über 30 Jahren im Angestelltenverhältnis bin ich mehrfach Führungskräften begegnet, die narzisstische Verhaltensweisen zeigten.
Wichtig ist mir dabei: Ich spreche bewusst von narzisstisch wirkend – denn die Grenzen zwischen gesunden Persönlichkeitsanteilen und einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung (NPS) sind fließend.
Viele Betroffene werden nie diagnostiziert. Warum?Weil sie oft erfolgreich sind, Karriere machen und selten eine Therapie aufsuchen.
Gerade sogenannte grandiose Narzissten wirken häufig:
charismatisch
leistungsstark
überzeugend
Genau das bringt sie in Führungspositionen – mit teilweise massiven Folgen für Unternehmen: hohe Fluktuation, sinkende Motivation, wirtschaftliche Verluste. Die gute Nachricht: Sie bekommen (auch) die Kündigung.
Doch kommen wir zu meiner Geschichte.
Abwertung und permanenter Druck
Es begann am ersten Tag.
Meine „Einarbeitung“ hatte bereits unbezahlt vor Arbeitsbeginn stattgefunden. Dann bekam ich eine Aufgabenliste – mit Deadline: nächster Morgen.
Ich war irritiert. Enttäuscht. Und redete es mir schön.
In den folgenden Wochen wurde einiges klar:
Mein Vorgänger hatte nach einem Monat gekündigt
Bewerber sprangen im Prozess ab
Kritik war allgegenwärtig
Meine E-Mails wurden regelmäßig auseinandergenommen. Zerpflückt. Korrigiert. Entwertet.
Ich dachte oft: Es ist leichter, die Arbeit anderer zu kritisieren, als selbst etwas zu erschaffen.
Innerlich kochte ich. Äußerlich funktionierte ich.
Manipulation und gezielte Ausgrenzung
Ein Schlüsselmoment war für mich das Thema Geld.
Ich sollte für die Barkasse in Vorkasse gehen. Ich tat es. Die Rückzahlung? Musste ich mehrfach einfordern.
Beim nächsten Mal sagte ich Nein.
Die Reaktion:
Wut
Schuldzuweisung
Ausgrenzung
Manipulation des Teams
Mein Chef erzählte meinen Kollegen, ich sei verantwortlich für Probleme im Ablauf. Plötzlich war ich die Schuldige.
Ich war schockiert – aber auch wach.
Kurz darauf hörte ich ihn in einem Kundengespräch sagen: „Eine meiner Stärken ist es, Mitarbeiter unter Druck zu setzen.“
In diesem Moment wusste ich: Das ist kein Zufall. Das ist ein System.
Ich begann zu recherchieren – und fand alle Muster bestätigt. Mein Chef - ein Narzisst.
Warum ich nicht einfach gegangen bin
Viele Ratgeber sagen:
„Schmeichle ihnen“
„Passe dich an“
„Oder geh sofort - vor allem wenn du hochsensibel bist.“
Doch für mich war das keine Option.
Ich liebte meinen Job. Ich hatte Verantwortung übernommen. Ich hatte das Qualitätsmanagement aufgebaut – und ein Audit mit 99 % bestanden.
Also blieb ich. Und begann, innerlich zu arbeiten.
Der Wendepunkt: Eskalation und Kündigung
Nach etwa eineinhalb Jahren kam es zum Bruch.
Nach einer Krankheit sollte ich sofort:
alles nacharbeiten
Überstunden leisten
wieder „funktionieren“
Ich konnte nicht.
Als ich Grenzen setzte, eskalierte die Situation:
Anschreien
Vorwürfe
Druck
Zum ersten Mal hielt ich dagegen.
Seine Reaktion: Er warf mir meinen Ton vor – und kündigte mir.
Die überraschende Wahrheit über meine Kündigung
Und dann passierte etwas Unerwartetes.
Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass mein Vorgesetzter mich respektierte.
Wenige Wochen später erhielt ich die Kündigung offiziell. Und ich spürte: Er freute sich.
Gleichzeitig stand ohnehin eine Unternehmensübernahme an. Meine Position wäre sowieso weggefallen. Somit war es keine Überraschung.
Und durch die Kündigung hatte ich:
sofort Anspruch auf Arbeitslosengeld
Zeit zur Neuorientierung und Weiterbildung
die Chance auf Selbstständigkeit
Was sich wie ein Scheitern anfühlte, war in Wahrheit mein Wendepunkt.
Mein größtes Learning: Wenn es keinen Ausweg gibt, geh nach innen
Damals kannte ich diesen Satz noch nicht bewusst: „Wenn es keinen AusWeg gibt, gibt es nur den Weg nach innen.“
Aber genau das habe ich getan.
Ich begann:
an meinem Selbstwert zu arbeiten
Glaubenssätze zu hinterfragen
mein Mindset zu verändern
Ich lernte endlich zu meditieren – mit „Hoffnung in unsicheren Zeiten“ von Deepak Chopra.
Ich hörte täglich:
Podcasts von Marisa Peer
Affirmationen von Louise Hay
Vorträge von Tony Robbins
Und damals hätte ich nie gedacht: Eines Tages würde ich selbst Coach sein.
Fazit: Warum ich meinem narzisstischen Chef heute dankbar bin
So paradox es klingt:
Diese Erfahrung hat mein Leben verändert – zum Positiven.
Sie hat mich gezwungen:
hinzuschauen
zu wachsen
Verantwortung für mich selbst zu übernehmen
Heute weiß ich: Manchmal sind die schwierigsten Menschen unsere größten Lehrer.
Übrigens: Zum Abschied sagte er mir: Seinerzeit dachten er und die anderen Direktoren: Mit mir hatten sie einen Lottogewinn gemacht.



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