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Prokrastination statt Lernen – warum wir aufschieben und wie wir den Teufelskreis durchbrechen können

Prokrastination beim Lernen: Ein Problem, das fast jeder kennt

Vor einigen Jahren fiel mir ein Muster auf, das vermutlich viele Menschen kennen. Immer dann, wenn ich mir vorgenommen hatte, etwas Neues zu lernen, schienen plötzlich unzählige andere Aufgaben wichtiger zu sein.

Der Schreibtisch musste dringend aufgeräumt werden. E-Mails wollten beantwortet werden. Die Wäsche konnte unmöglich noch einen Tag warten. Und selbstverständlich musste ich vor dem Lernen noch etwas recherchieren, um optimal vorbereitet zu sein.

Am Ende des Tages hatte ich vieles getan – nur nicht gelernt.

Damals hielt ich dieses Verhalten für mangelnde Disziplin. Ich glaubte, ich müsse mich einfach stärker zusammenreißen. Vielleicht fehlte mir die richtige Motivation. Vielleicht war ich nicht konsequent genug.

Heute sehe ich das völlig anders.

Inzwischen habe ich viele Menschen beim Lernen begleitet. Ob im Coaching, in Weiterbildungen oder in Gesprächen mit Menschen, die sich beruflich neu orientieren wollten – immer wieder begegnete mir dieselbe Frage:

„Warum schiebe ich das Lernen ständig auf, obwohl ich weiß, dass es mir wichtig ist?“

Je tiefer ich mich mit diesem Thema beschäftigte, desto deutlicher wurde mir, dass hinter Prokrastination oft viel mehr steckt als bloße Unlust. Tatsächlich zeigen wissenschaftliche Studien, dass Aufschieben nur selten ein Zeitmanagementproblem ist. Viel häufiger handelt es sich um einen emotionalen Bewältigungsmechanismus.

Eine der interessantesten Erklärungen dazu fand ich bei dem Verhaltensforscher und Autor Nir Eyal.

Was Nir Eyal über Prokrastination herausgefunden hat

Nir Eyal beschäftigt sich seit vielen Jahren mit menschlichem Verhalten, Aufmerksamkeit und Ablenkung. In seinem Buch „Indistractable“ beschreibt er eine Erkenntnis, die zunächst überraschend wirkt:

Prokrastination ist kein Zeitmanagementproblem. Sie ist ein Problem des Umgangs mit unangenehmen Emotionen.

Als ich diesen Satz zum ersten Mal las, musste ich sofort an viele meiner eigenen Lernerfahrungen denken.

Denn wenn ich ehrlich bin, habe ich selten deshalb nicht gelernt, weil mir die Zeit fehlte. Viel häufiger gab es innere Widerstände:

Unsicherheit darüber, ob ich das Thema überhaupt verstehen würde.

Die Sorge, nicht schnell genug voranzukommen.

Frustration, wenn etwas komplizierter war als erwartet.

Oder schlicht die Angst, Fehler zu machen.

Nach Eyal schieben wir nicht die Aufgabe auf.

Wir schieben das Gefühl auf, das die Aufgabe in uns auslöst.

Dieser Gedanke verändert den Blick auf Prokrastination grundlegend.

Denn plötzlich geht es nicht mehr um Faulheit oder mangelnde Disziplin. Es geht darum, wie wir mit Frustration, Unsicherheit und Stress umgehen.

Warum Lernen fast immer Frustration erzeugt

Ein Thema begegnet mir in der Bildungsarbeit immer wieder: Viele Menschen erwarten, dass Lernen sich gut anfühlen sollte.

Wenn sie motiviert sind, lernen sie.

Wenn Lernen schwierig wird, glauben sie häufig, dass etwas nicht stimmt.

Dabei zeigen Erkenntnisse aus der Lernpsychologie genau das Gegenteil.

Der renommierte Lernforscher Robert Bjork von der University of California prägte den Begriff der „Desirable Difficulties“, der erwünschten Schwierigkeiten. Seine Forschung zeigt, dass nachhaltiges Lernen häufig gerade dann entsteht, wenn Lernprozesse herausfordernd sind.

Das Gehirn baut keine neuen Fähigkeiten auf, indem es Bekanntes wiederholt. Es entwickelt sich durch Irritation, Anstrengung und die Auseinandersetzung mit Fehlern.

Wer eine neue Sprache lernt, ein Instrument spielt oder sich in ein komplexes Fachgebiet einarbeitet, erlebt zwangsläufig Phasen der Verwirrung und Frustration.

Diese Frustration ist kein Zeichen dafür, dass Lernen nicht funktioniert.

Sie ist häufig ein Zeichen dafür, dass Lernen gerade funktioniert.

Für mich war diese Erkenntnis enorm wichtig. Dank meiner Hochsensibilität konnte ich aufkommende Frustrationen in Teilnehmenden an meinen Workshops, Kursen und Coachings oftmals früh erkennen und ihnen genau das erklären. So mussten sie ihre Frustration nicht mehr bekämpfen. Sie konnten sie als natürlichen Bestandteil jedes Lernprozesses akzeptieren.

Die Wissenschaft hinter dem Aufschieben

Bereits 2007 veröffentlichten die Psychologen Fuschia Sirois und Timothy Pychyl Forschungsergebnisse, die bis heute als wegweisend gelten.

Ihre Arbeiten zeigen, dass Prokrastination weniger mit schlechter Selbstorganisation als mit kurzfristiger Emotionsregulation zusammenhängt.

Wenn eine Aufgabe unangenehme Gefühle auslöst, versucht unser Gehirn, diese Gefühle möglichst schnell zu reduzieren.

Dabei spielt die unmittelbare Belohnung eine entscheidende Rolle.

Das Smartphone liefert sofortige Ablenkung.

Social Media liefert sofortige Unterhaltung.

Eine Serie liefert sofortige Entspannung.

Lernen hingegen verspricht meist eine Belohnung erst in der Zukunft.

Genau hier entsteht das Problem.

Unser Gehirn bevorzugt kurzfristige Belohnungen gegenüber langfristigen Vorteilen.

Psychologen bezeichnen dieses Phänomen als „Temporal Discounting“.

Der zukünftige Nutzen einer bestandenen Prüfung erscheint unserem Gehirn weniger attraktiv als die unmittelbare Erleichterung durch ein kurzes Video auf dem Smartphone.

Die Rolle der Amygdala beim Lernen

Besonders spannend wird es, wenn wir einen Blick ins Gehirn werfen.

Die Amygdala wird häufig als Angst- oder Stresszentrum bezeichnet. Sie bewertet Situationen emotional und reagiert besonders sensibel auf Unsicherheit und Bedrohung.

Wenn wir vor einer schwierigen Lernaufgabe sitzen, kann unser Gehirn diese Situation durchaus als Belastung wahrnehmen.

Die Folge:

Stresshormone werden ausgeschüttet.

Die Aufmerksamkeit verengt sich.

Der Wunsch, die unangenehme Situation zu verlassen, steigt.

Gleichzeitig wird der präfrontale Kortex beeinträchtigt – jener Gehirnbereich, der für Planung, Problemlösung, Impulskontrolle und langfristiges Denken verantwortlich ist.

Genau deshalb fühlen wir uns manchmal wie gelähmt, obwohl wir genau wissen, was wir eigentlich tun sollten.

Es handelt sich nicht um mangelnde Intelligenz.

Es handelt sich um einen biologischen Mechanismus.

Warum Perfektionismus einer der größten Lernkiller ist

In meiner Arbeit begegne ich häufig Menschen, die außergewöhnlich hohe Ansprüche an sich selbst stellen.

Sie möchten die perfekte Weiterbildung finden.

Sie möchten den perfekten Lernplan haben.

Sie möchten jede Lektion vollständig verstehen, bevor sie weitermachen.

Auf den ersten Blick klingt das vernünftig.

Tatsächlich kann Perfektionismus jedoch zu einem der größten Hindernisse beim Lernen werden.

Die Psychologinnen Gordon Flett und Paul Hewitt konnten in zahlreichen Studien zeigen, dass Perfektionismus eng mit Prokrastination zusammenhängt.

Der Grund ist nachvollziehbar.

Wer perfekte Ergebnisse erwartet, erhöht automatisch die Angst vor Fehlern.

Je größer die Angst vor Fehlern wird, desto attraktiver erscheint das Aufschieben.

Denn solange wir nicht beginnen, können wir auch nicht scheitern.

Viele Menschen halten dieses Verhalten für mangelnde Motivation.

In Wirklichkeit handelt es sich häufig um Selbstschutz.

Die große Illusion der Motivation

Ein weiterer Irrtum betrifft die Motivation.

Viele Menschen glauben, sie müssten sich erst motiviert fühlen, bevor sie lernen können.

Sie warten auf den richtigen Moment.

Auf mehr Energie.

Auf mehr Lust.

Auf mehr Inspiration.

Die Verhaltensforschung zeigt jedoch ein anderes Bild.

Motivation entsteht oft erst durch Handlung.

Die Psychologin Barbara Oakley beschreibt in ihrem Bestseller „Learning How to Learn“, dass bereits wenige Minuten konzentrierter Arbeit ausreichen können, um das Gehirn in einen produktiven Zustand zu versetzen.

Mit anderen Worten:

Wir handeln nicht immer, weil wir motiviert sind.

Oft werden wir motiviert, weil wir gehandelt haben.

Warum Frustrationstoleranz wichtiger ist als Intelligenz

Je länger ich Menschen beim Lernen begleite, desto mehr komme ich zu der Überzeugung, dass Erfolg nur bedingt von Intelligenz abhängt.

Viel entscheidender scheint die Fähigkeit zu sein, Frustration auszuhalten.

Die Psychologin Angela Duckworth bezeichnet diese Eigenschaft als „Grit“.

In ihren Studien konnte sie zeigen, dass langfristige Ausdauer häufig ein besserer Erfolgsprädiktor ist als Talent oder Intelligenz.

Menschen mit hoher Frustrationstoleranz geben nicht auf, wenn etwas schwierig wird.

Sie akzeptieren Schwierigkeiten als Teil des Prozesses.

Genau darin könnte einer der wichtigsten Schlüssel gegen Prokrastination liegen.

Was erfolgreiche Lerner anders machen

Wenn ich erfolgreiche Lerner beobachte, fällt mir immer wieder auf, dass sie Frustration nicht vermeiden.

Sie erwarten sie.

Sie wissen, dass schwierige Phasen kommen werden.

Sie interpretieren diese Phasen jedoch nicht als persönliches Versagen.

Sie denken nicht:

„Ich bin zu dumm.“

Sondern:

„Das Thema ist gerade anspruchsvoll.“

Dieser Unterschied erscheint klein.

Tatsächlich verändert er alles.

Denn wer Schwierigkeiten auf seine Persönlichkeit bezieht, verliert Selbstvertrauen.

Wer Schwierigkeiten als Teil des Lernprozesses betrachtet, bleibt handlungsfähig.

Praktische Strategien gegen Prokrastination beim Lernen

Aus den Erkenntnissen von Nir Eyal, der Lernpsychologie und meinen eigenen Erfahrungen lassen sich einige konkrete Handlungsempfehlungen ableiten.

Gefühle benennen

Frage dich nicht:

„Warum bin ich so faul?“

Frage dich stattdessen:

„Welches Gefühl möchte ich gerade vermeiden?“

Allein diese Frage kann überraschende Einsichten liefern.

Frustration einplanen

Lernen ohne Frustration existiert nicht.

Wer Frustration als normalen Bestandteil akzeptiert, verliert weniger Energie im Kampf gegen sie.

Mit kleinen Schritten beginnen

Die Forschung zeigt, dass die größte Hürde häufig der Einstieg ist.

Statt zwei Stunden lernen zu wollen, beginne mit zehn Minuten.

Oft entsteht daraus mehr.

Ablenkungen bewusst gestalten

Nir Eyal empfiehlt, Ablenkungen nicht zu verteufeln, sondern bewusst zu kontrollieren.

Das Smartphone muss nicht verschwinden.

Aber es sollte nicht die erste Zuflucht sein, sobald Frustration auftritt.

Fortschritte sichtbar machen

Unser Gehirn liebt Fortschritt.

Lernjournale, Checklisten oder Erfolgstagebücher helfen dabei, Entwicklung sichtbar zu machen.

Selbstmitgefühl entwickeln

Die Forschung von Kristin Neff zeigt, dass Selbstmitgefühl die psychische Widerstandskraft stärkt.

Menschen lernen erfolgreicher, wenn sie sich nach Rückschlägen nicht verurteilen, sondern konstruktiv mit sich umgehen.

 

Mein Fazit: Prokrastination ist oft ein Missverständnis

Heute bin ich überzeugt, dass Prokrastination in den meisten Fällen nicht durch Faulheit entsteht.

Viel häufiger handelt es sich um den Versuch, unangenehme Gefühle zu vermeiden.

Lernen konfrontiert uns mit Unsicherheit, Nichtwissen und Frustration. Genau deshalb greifen viele Menschen zu Ablenkungen, obwohl sie ihre Ziele eigentlich erreichen möchten.

Die Forschung von Nir Eyal, Robert Bjork, Angela Duckworth und vielen anderen Wissenschaftlern zeigt jedoch, dass genau hier die Lösung liegt.

Nicht bessere Zeitpläne.

Nicht mehr Disziplin.

Nicht noch eine weitere App.

Sondern ein bewussterer Umgang mit den Emotionen, die Lernen begleitet.

In meiner Arbeit als Coachin begegnet mir Prokrastination regelmäßig. Besonders Erwachsene, die nach vielen Jahren wieder mit Lernen beginnen, erleben Frustration häufig als Zeichen des Scheiterns. Meine Erfahrung zeigt jedoch, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Die Menschen, die langfristig erfolgreich lernen, sind nicht diejenigen mit der höchsten Motivation. Es sind diejenigen, die gelernt haben, Frustration als natürlichen Teil des Lernprozesses zu akzeptieren und trotzdem weiterzugehen.

 

Denn hinter vielen Momenten des Zweifelns verbirgt sich genau das, was wir uns eigentlich wünschen:

Wachstum, Kompetenz und das wunderbare Gefühl, etwas verstanden zu haben, das uns gestern noch unlösbar erschien.

 
 
 

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