Weshalb werden Menschen mit Trauma leichter retraumatisiert? Was die Wissenschaft sagt – und was ich als Sozialarbeiterin beobachtet habe
- S P Knoll

- 3. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Weshalb werden Menschen, die Trauma erlebt haben, leichter retraumatisiert?
Diese Frage beschäftigt nicht nur die Traumaforschung, sondern auch viele Fachkräfte im sozialen Bereich, in Schulen und in der Psychotherapie. Immer wieder entsteht der Eindruck, dass ausgerechnet diejenigen Menschen, die bereits schwere Verletzungen erlebt haben, erneut in Situationen geraten, die alte Wunden aufreißen oder sogar neue Traumata verursachen.
Doch woran liegt das? Gibt es wissenschaftliche Erklärungen? Und bedeutet das, dass Betroffene „Trauma anziehen“?
Die klare Antwort lautet: Nein.
Die Forschung zeigt vielmehr, dass eine Kombination aus neurobiologischen, psychologischen und sozialen Faktoren die Wahrscheinlichkeit einer Retraumatisierung erhöhen kann – ohne dass die Verantwortung jemals bei den Betroffenen liegt.
Was bedeutet Retraumatisierung?
Von einer Retraumatisierung spricht man, wenn frühere traumatische Erfahrungen durch neue Ereignisse oder bestimmte Auslöser erneut aktiviert werden. Das kann durch offensichtliche Gewalt geschehen, aber auch durch Demütigungen, Machtmissbrauch, soziale Ausgrenzung oder Situationen, die das Nervensystem an frühere Erfahrungen erinnern.
Für Außenstehende wirkt die Reaktion häufig übertrieben. Für das Gehirn der betroffenen Person ist die Bedrohung jedoch oft sehr real.
Warum erhöht ein Trauma das Risiko für weitere Traumatisierungen?
1. Das Nervensystem bleibt auf Alarm eingestellt
Nach schweren belastenden Erfahrungen kann das Gehirn dauerhaft in einem Zustand erhöhter Wachsamkeit bleiben. Andere Betroffene reagieren dagegen mit emotionaler Taubheit oder Dissoziation – einer Art innerem Abschalten.
Beides kann dazu führen, dass Gefahren schlechter eingeschätzt oder Grenzen nicht rechtzeitig
gesetzt werden können.

2. Traumata verändern die Wahrnehmung von Beziehungen
Wer in der Kindheit Gewalt, Vernachlässigung oder emotionale Misshandlung erlebt hat, lernt häufig unbewusst, dass verletzendes Verhalten „normal“ sei.
Dadurch werden Warnsignale manchmal später erkannt oder problematische Beziehungen länger ausgehalten. Das ist keine bewusste Entscheidung, sondern häufig eine Folge früher Anpassungsstrategien.
3. Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation
Traumatisierte Menschen erleben unter Stress oft intensive emotionale oder körperliche Reaktionen. Manche erstarren, andere passen sich übermäßig an oder können ihre eigenen Bedürfnisse kaum vertreten.
Diese Schutzmechanismen waren früher möglicherweise überlebenswichtig, können später jedoch die Selbstschutzfähigkeit einschränken.
Dissoziation kann Gefahren verdecken
Einige Betroffene erleben in belastenden Situationen eine Form des „Abschaltens“. Sie fühlen sich wie neben sich stehend oder nehmen ihre Umwelt nur eingeschränkt wahr.
Forschende diskutieren, dass dies das Erkennen und Abwehren gefährlicher Situationen
erschweren kann.
5. Auch das Umfeld spielt eine entscheidende Rolle
Retraumatisierung entsteht nicht nur durch innere Prozesse. Lebensumstände wie Armut, fehlende soziale Unterstützung, Abhängigkeiten oder gewaltbelastete Umfelder erhöhen ebenfalls das Risiko.
Die Verantwortung liegt deshalb niemals allein bei den Betroffenen.
Eine Beobachtung aus meiner Arbeit als Sozialarbeiterin an einer Schule
Während meiner Tätigkeit als Sozialarbeiterin an einer Schule habe ich eine Beobachtung gemacht, die mich nachhaltig beschäftigt hat.
Mehrfach fiel mir auf, dass manche Lehrkräfte ausgerechnet auf diejenigen Schülerinnen und Schüler besonders hart reagierten, bei denen schwere traumatische Erfahrungen offensichtlich oder sogar im Kollegium bekannt waren. Diese Jugendlichen wurden häufiger kritisiert, stärker kontrolliert oder schienen immer wieder in Konflikte zu geraten.
Natürlich lässt sich daraus keine allgemeingültige wissenschaftliche Schlussfolgerung ziehen. Dennoch stellte sich mir immer wieder dieselbe Frage:
Weshalb werden Menschen, die bereits Trauma erlebt haben, offenbar so häufig erneut belastet oder sogar retraumatisiert?
Heute weiß ich aus der wissenschaftlichen Literatur, dass traumatisierte Menschen oft anders auf Stress reagieren. Rückzug, Erstarren, Überanpassung, emotionale Ausbrüche oder Konzentrationsprobleme können von Außenstehenden missverstanden werden. Statt die zugrunde liegende Belastung zu erkennen, werden diese Verhaltensweisen manchmal als Ungehorsam, Desinteresse oder Provokation interpretiert.
Gerade im schulischen Kontext zeigt sich deshalb, wie wichtig traumasensibles Handeln ist.
Retraumatisierung ist kein Zeichen von Schwäche
Ein weit verbreiteter Irrtum lautet, Menschen würden immer wieder in schädliche Situationen geraten, weil sie „es nicht anders wollen“ oder „falsche Entscheidungen treffen“.
Die Forschung widerspricht dieser Vorstellung deutlich. Traumatische Erfahrungen können die Informationsverarbeitung des Gehirns, die Stressreaktion, das Vertrauen in andere Menschen und das Erkennen von Gefahr nachhaltig beeinflussen.
Retraumatisierung ist daher häufig Ausdruck biologischer und psychologischer Anpassungsprozesse sowie schwieriger sozialer Bedingungen – nicht persönlicher Schuld.
Was hilft traumatisierten Menschen?
Traumasensible Unterstützung kann einen wichtigen Unterschied machen. Dazu gehören:
• ein verlässliches und berechenbares Umfeld,
• respektvolle Kommunikation ohne Beschämung,
• klare und sichere Grenzen,
• Verständnis für Stressreaktionen,
• Förderung von Selbstwirksamkeit und Autonomie sowie
• bei Bedarf professionelle traumatherapeutische Unterstützung.
Besonders in Schulen, Behörden, Kliniken und sozialen Einrichtungen kann Wissen über Trauma dazu beitragen, unnötige Retraumatisierungen zu vermeiden.
Fazit
Die Frage „Warum werden traumatisierte Menschen leichter retraumatisiert?“ hat keine einfache Antwort. Die wissenschaftliche Evidenz spricht jedoch dafür, dass frühere Traumata das Nervensystem, die Emotionsregulation, die Wahrnehmung von Beziehungen und die Reaktion auf Stress nachhaltig verändern können. Hinzu kommen soziale und strukturelle Faktoren, die das Risiko weiter erhöhen.
Die wichtigste Erkenntnis lautet jedoch: Retraumatisierung ist kein Beweis für persönliches Versagen. Sie ist häufig die Folge komplexer Wechselwirkungen zwischen früheren Erfahrungen, biologischen Schutzmechanismen und dem aktuellen Umfeld.
Gerade deshalb verdienen traumatisierte Menschen nicht mehr Kritik oder Härte, sondern Verständnis, traumasensibles Handeln und die Chance auf sichere Beziehungen, in denen Heilung möglich wird.



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