Psychologische Sicherheit in Schulen: Mehr als ein Anti-Mobbing-Konzept
- S P Knoll

- 4. Juli
- 5 Min. Lesezeit
Welche Rolle das Führungsverhalten von Schulleitungen und Lehrkräften für Lernklima, Gesundheit und Schulabsentismus spielt
Schulen stehen heute vor enormen Herausforderungen: zunehmender Schulabsentismus, psychische Belastungen bei Kindern und Jugendlichen, Lehrkräftemangel sowie steigende Burnout-Raten im Kollegium.
Viele Schulen reagieren darauf mit Anti-Mobbing-Programmen, Verhaltensregeln oder Präventionsmaßnahmen. Diese sind wichtig – greifen jedoch häufig zu kurz.
Die Forschung zur psychologischen Sicherheit, insbesondere die Arbeiten von Amy Edmondson, legt nahe, dass Schulen noch grundsätzlicher ansetzen sollten. Denn nachhaltiges Lernen gelingt vor allem dort, wo Menschen sich emotional und sozial sicher fühlen.
Psychologische Sicherheit könnte deshalb als Fundament einer gesunden und leistungsfähigen Schulkultur verstanden werden.
Was bedeutet psychologische Sicherheit?
Amy Edmondson beschreibt psychologische Sicherheit als die gemeinsame Überzeugung eines Teams, dass zwischenmenschliche Risiken eingegangen werden können, ohne negative soziale Konsequenzen befürchten zu müssen.
Menschen fühlen sich psychologisch sicher, wenn sie:
Fragen stellen dürfen,
Unsicherheiten äußern können,
Fehler zugeben dürfen,
Kritik respektvoll ansprechen können,
um Unterstützung bitten können.
Wichtig dabei: Psychologische Sicherheit bedeutet nicht den Verzicht auf Leistung, Rückmeldung oder Bewertung. Vielmehr geht es darum, Lernen und Entwicklung in den Mittelpunkt zu stellen, statt Angst, Schuldzuweisungen oder Beschämung.
Edmondsons Forschung zeigt, dass Teams mit hoher psychologischer Sicherheit mehr Lernverhalten, mehr Innovation und bessere Zusammenarbeit entwickeln.
Warum Schulen psychologische Sicherheit brauchen
Schulen sind hochkomplexe soziale Systeme. Hier treffen Leistungsanforderungen, Entwicklungsaufgaben, soziale Vergleiche und emotionale Prozesse täglich aufeinander.
Eine Forschungsarbeit von Edmondson und Kolleginnen, die Bildungseinrichtungen und Gesundheitsorganisationen untersuchte, kommt zu dem Schluss, dass psychologische Sicherheit gerade in Lernorganisationen eine zentrale Voraussetzung für Veränderungsfähigkeit und gemeinsames Lernen darstellt.
Denn Lernen setzt voraus, dass Menschen Unsicherheit zulassen dürfen.
Wer permanent befürchten muss, beschämt, kritisiert oder negativ bewertet zu werden, investiert einen Großteil seiner Energie in Selbstschutz statt in Lernen.
Psychologische Sicherheit als Grundlage wirksamer Prävention
Mobbing, soziale Ausgrenzung und Schulverweigerung entstehen selten isoliert. Häufig entwickeln sie sich in einem Umfeld, in dem Menschen sich nicht sicher fühlen, Probleme anzusprechen oder Unterstützung einzufordern.
In psychologisch sicheren Schulen fällt es Schülerinnen und Schülern leichter,
Hilfe zu suchen,
Konflikte frühzeitig anzusprechen,
Verantwortung zu übernehmen,
sich aktiv am Unterricht zu beteiligen,
Fehler als Teil des Lernprozesses zu akzeptieren.
Psychologische Sicherheit kann deshalb als ein präventiver Schutzfaktor betrachtet werden – nicht nur gegen Mobbing, sondern auch gegen emotionale Überforderung, soziale Isolation und Schulabsentismus.
Die Bedeutung des Führungsverhaltens
Die Kultur einer Schule wird wesentlich durch das Verhalten der Erwachsenen geprägt.
Dabei kommt nicht nur der Schulleitung eine Schlüsselrolle zu. Auch Lehrkräfte übernehmen täglich Führungsverantwortung – im Klassenzimmer, in Teams und in der Gestaltung von Beziehungen.
Kinder und Jugendliche beobachten sehr genau,
wie Erwachsene miteinander umgehen,
ob Fehler offen angesprochen werden dürfen,
wie auf Kritik reagiert wird,
ob Respekt gelebt wird,
wie mit Unsicherheit umgegangen wird.
Führungsverhalten zeigt sich daher nicht ausschließlich in offiziellen Leitungsfunktionen. Jede Interaktion im Schulalltag trägt dazu bei, Sicherheit oder Unsicherheit entstehen zu lassen.
Forschungsergebnisse zeigen, dass unterstützendes Führungsverhalten, Verbundenheit und psychologische Sicherheit wichtige Schutzfaktoren gegen Burnout bei Schulmitarbeitenden darstellen.
Umgekehrt erhöhen mangelnde Unterstützung durch die Schulleitung, geringe Verbundenheit und fehlende psychologische Sicherheit das Risiko emotionaler Erschöpfung deutlich.
Psychologische Sicherheit beginnt im Nervensystem – nicht im Kopf
In vielen Organisationen wird psychologische Sicherheit als Frage der Unternehmenskultur oder des Mindsets verstanden. Beides ist wichtig – doch die Wissenschaft zeigt inzwischen, dass Sicherheit noch viel grundlegender entsteht: in unserem Nervensystem.
Unser Gehirn bewertet fortlaufend, ob eine Situation sicher oder potenziell bedrohlich ist. Diese unbewusste Wahrnehmung beeinflusst, ob wir offen kommunizieren, kreativ denken und lernen können oder ob wir in einen Zustand von Anspannung, Rückzug oder Verteidigung geraten.
Der Neurowissenschaftler Stephen Porges beschreibt diesen Prozess in seiner Polyvagal-Theorie. Demnach reagiert unser autonomes Nervensystem ständig auf Signale von Sicherheit oder Gefahr – häufig, bevor wir sie bewusst wahrnehmen.
Erleben wir Sicherheit, werden Fähigkeiten aktiviert, die für Schule und Führung essenziell sind:
· konzentriertes Lernen,
· Offenheit für Feedback,
· Empathie,
· Kooperation,
· Kreativität,
· lösungsorientiertes Denken.
Fühlen wir uns hingegen bedroht, übernimmt unser Überlebenssystem. Aufmerksamkeit verengt sich, Fehler werden vermieden, Kommunikation wird defensiver und Lernen fällt deutlich schwerer.
Psychologische Sicherheit ist deshalb weit mehr als ein positives Mindset. Sie ist ein körperlich erlebbarer Zustand.
Die gute Nachricht lautet: Dieser Zustand lässt sich trainieren.
Studien aus der Psychologie und Neurowissenschaft zeigen, dass Fähigkeiten wie Emotionsregulation, bewusste Atemtechniken, Achtsamkeit und Selbstwahrnehmung nachweislich Stress reduzieren und die Fähigkeit verbessern, auch in herausfordernden Situationen präsent, offen und handlungsfähig zu bleiben.
Gerade Führungskräfte profitieren davon. Denn wer die eigene innere Sicherheit regulieren kann, strahlt Ruhe, Klarheit und Verlässlichkeit aus – Voraussetzungen dafür, dass auch andere sich sicher fühlen.
Führung wird nicht nur gehört – sie wird gespürt
Kommunikation ist weit mehr als Worte.
Menschen nehmen unbewusst wahr, ob das Verhalten einer Führungskraft mit ihren Aussagen übereinstimmt. Sie registrieren Körpersprache, Mimik, Stimme, Atmung, Präsenz und emotionale Kongruenz.
Deshalb reicht es nicht aus, psychologische Sicherheit lediglich zu propagieren.
Wenn eine Schulleitung Offenheit fordert, selbst jedoch auf Kritik ärgerlich reagiert, entsteht ein Widerspruch, den Mitarbeitende und Schülerinnen und Schüler sofort wahrnehmen.
Eine häufig zitierte Führungsweisheit bringt dies treffend auf den Punkt:
„Menschen hören deine Worte, aber sie spüren deine Haltung.“
Psychologische Sicherheit entsteht deshalb nicht durch Leitbilder oder Kommunikationskampagnen allein. Sie entsteht vor allem durch die tägliche Erfahrung, wie Führungskräfte handeln, zuhören, Feedback geben und mit Unsicherheit umgehen.
Authentische Kommunikation gelingt dann am überzeugendsten, wenn Führungskräfte selbst hinter den Werten und Zielen stehen und diese auch verkörpern.
Burnout-Prävention beginnt mit Kultur
Lehrkräfte gehören weltweit zu den Berufsgruppen mit einem hohen Burnout-Risiko.
Eine aktuelle Längsschnittstudie mit Schulmitarbeitenden konnte zeigen, dass psychologische Sicherheit und ein unterstützendes Führungsverhalten entscheidende Faktoren für die psychische Gesundheit von Lehrkräften sind.
Fehlt die Möglichkeit,
Schwierigkeiten offen anzusprechen,
um Hilfe zu bitten,
Fehler zuzugeben,
Belastungen zu thematisieren,
steigt die Wahrscheinlichkeit von emotionaler Erschöpfung und innerer Kündigung.
Psychologische Sicherheit ist daher nicht nur ein Thema der Schulentwicklung, sondern auch ein zentraler Baustein der Burnout-Prävention.
Schulabsentismus neu verstehen
Immer mehr Forschende betrachten Schulabsentismus nicht mehr ausschließlich als Disziplin- oder Motivationsproblem.
Studien zeigen, dass das wahrgenommene Schulklima eng mit chronischem Fehlen zusammenhängt. Schülerinnen und Schüler, die ihre Schule als unterstützend, sicher und wertschätzend erleben, fehlen deutlich seltener.
Zu den relevanten Einflussfaktoren gehören insbesondere:
Zugehörigkeitsgefühl,
Beziehungssicherheit,
wahrgenommene Unterstützung,
soziale Sicherheit,
emotionale Verbundenheit.
Wenn Schule dauerhaft als emotional unsicher erlebt wird, kann Rückzug zu einer verständlichen Schutzstrategie werden.
Psychologische Sicherheit eröffnet damit einen neuen Blick auf Schulabsentismus: Nicht allein das Verhalten der Schülerinnen und Schüler steht im Mittelpunkt, sondern die Qualität der Beziehungen innerhalb des gesamten Systems.
Warum pferdegestütztes Coaching diesen Prozess besonders wirksam unterstützt
Genau hier setzt pferdegestütztes Coaching an.
Pferde sind Fluchttiere. Ihr Überleben hängt davon ab, feinste Veränderungen in ihrer Umgebung wahrzunehmen. Sie reagieren nicht auf Titel, Positionen oder rhetorische Fähigkeiten, sondern auf das, was unser Nervensystem tatsächlich ausstrahlt.
Innere Anspannung, Unsicherheit oder Inkongruenz werden von Pferden unmittelbar wahrgenommen.
Ebenso reagieren sie auf innere Ruhe, Klarheit, Präsenz und authentische Führung.
Dadurch entsteht ein unmittelbares Feedback, das sich weder beschönigen noch kontrollieren lässt.
Während klassische Führungstrainings häufig auf kognitiver Ebene arbeiten, ermöglichen Pferde einen Embodiment-Prozess: Führungskräfte erleben unmittelbar, wie sich ihr innerer Zustand auf ihr Gegenüber auswirkt.
Sie trainieren nicht nur neue Verhaltensweisen, sondern entwickeln die Fähigkeit, Sicherheit tatsächlich auszustrahlen.
Genau diese Verkörperung macht den entscheidenden Unterschied. Denn psychologische Sicherheit entsteht nicht allein durch das Wissen über gute Führung – sondern durch Menschen, die Sicherheit glaubwürdig leben und damit das emotionale Klima einer Schule oder Organisation nachhaltig prägen.
Gerade für Schulleitungen und Lehrkräfte kann die Arbeit mit Pferden wertvolle Erkenntnisse darüber liefern,
wie ihr Führungsverhalten auf andere wirkt,
ob sie Sicherheit vermitteln,
wie offen sie für Feedback sind,
und inwieweit ihre Kommunikation Vertrauen fördert.

Fazit
Psychologische Sicherheit ist weit mehr als ein Anti-Mobbing-Konzept.
Sie bildet die Grundlage für Lernen, Gesundheit, Innovation und gelingende Beziehungen in Schulen.
In einer Zeit zunehmender Unsicherheit stellt sich daher nicht nur die Frage, wie Schulen Leistung fördern können, sondern vor allem:
Wie schaffen wir Lernorte, an denen sich Menschen sicher genug fühlen, um zu lernen, Fragen zu stellen und ihr Potenzial zu entfalten?
Vielleicht beginnt genau dort die Schule der Zukunft.



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